Bitcoin verkauft – ausgespült oder rational?
Ein Gedankenexperiment über Ideologie, Timing und echte Kaufkraft
In der Bitcoin-Szene gibt es ein festes Narrativ:
Wer verkauft, hat „Bitcoin nicht verstanden“. Wer in Fiat geht, wurde „aus dem Markt gespült“.
Hodl ist keine Strategie – es ist eine Identität.
Aber was, wenn man Bitcoin nicht als Glaubensfrage betrachtet, sondern als Kapitalallokationsproblem?
Dieser Artikel ist ein Gedankenexperiment. Mit echten Zahlen.
Das Setup: Bitcoin vs. Realität
Bitcoin-Kauf am Hoch
- Kaufdatum: 25.12.2017
- Preis: 11.733 €
- Preis heute (30.12.2025): 74.000 €
- Faktor: ~6,3×
- Zeitraum: 8 Jahre
Annualisierte Rendite (CAGR): ~26 % p.a.
Das ist sehr gut.
Aber es ist nicht magisch.
Und es ist vor allem eines: kein Automatismus.
Der Vergleich: Berkshire Hathaway
- Kurs am 11.12.2017: 167 €
- Kurs heute: 425 €
- Faktor: ~2,5×
- CAGR: ~12 % p.a.
Berkshire Hathaway liefert genau das, was man erwartet:
- Stabilität
- Cashflows
- Berechenbarkeit
- Kein Timing-Stress
Bitcoin outperformt klar – aber nur, wenn man den richtigen Einstieg erwischt.
Der entscheidende Punkt: Bitcoin ist ein Timing-Asset
Bitcoin ist kein klassisches Buy-and-Hold-Asset wie Aktien.
Warum?
- Keine Cashflows
- Kein innerer Wertanker
- Fixes Angebot + spekulative Nachfrage
- Extreme Zyklen (+500 %, dann −80 %)
Die Rendite entsteht nicht durch „Halten“, sondern durch den Einstiegspreis.
Das Gegenbeispiel: Bitcoin im Crash kaufen
- Kaufdatum: 18.02.2019
- Preis: ~3.400 €
- Preis heute: 74.000 €
- Faktor: ~22×
- CAGR: ~68 % p.a.
Das ist die Rendite, von der Bitcoin-Mythen leben.
Aber sie entsteht nur, wenn man kauft:
- nach −70 bis −85 %
- wenn niemand mehr darüber spricht
- wenn „Bitcoin ist tot“ wieder glaubwürdig klingt
Der Konflikt: Hodler vs. Kapitalallokator
Die Hodler-Perspektive
- Fiat ist wertlos
- Verkaufen ist Schwäche
- Durchhalten ist moralisch überlegen
- Wer verkauft, „versteht Bitcoin nicht“
Das ist keine Finanzlogik, sondern Glaubenslogik.
Bitcoin ist hier kein Asset mehr, sondern Identität.
Die Kapitalallokator-Perspektive
Eine andere Sicht lautet:
- Fiat ist kein Ziel, sondern ein Zwischenzustand
- Verkaufen ist Positionsmanagement
- Ziel ist mehr Kaufkraft, nicht Recht behalten
Wenn man Bitcoin verkauft und dafür:
- Unternehmensanteile
- Cashflows
- Stabilität
erwirbt, dann ist das kein Rückschritt.
Es ist ein Asset-Tausch.
Der entscheidende Satz
Fiat ist nicht wertlos, wenn man es gegen produktive Assets tauscht.
Wer Bitcoin bei 70.000 € verkauft und dafür zehn Berkshire Hathaway A-Aktien kauft, hat nicht „Bitcoin aufgegeben“.
Er hat:
- Volatilität gegen Stabilität getauscht
- Narrativ gegen Substanz
- Zyklus gegen Dauer
Der Denkfehler der „Hodl-für-immer“-Logik
Nicht verkauft zu haben bedeutet nicht automatisch gewonnen zu haben.
Gewonnen hast du nur, wenn du:
- deine Kaufkraft erhöhst
- dein Risiko reduzierst
- dein Leben nicht gefährdest
- Vermögen in etwas Greifbares transformierst
Bitcoin ist ein hervorragendes Asset.
Aber kein Heiligtum.
Fazit: Zwei Spiele, zwei Ziele
Der Hodler will Bitcoin besitzen.
Der Kapitalallokator will Kaufkraft besitzen.
Bitcoin eignet sich hervorragend:
- nach massiven Drawdowns
- als Opportunitäts-Asset
- als Beimischung
Aktien eignen sich:
- für langfristige Planbarkeit
- für ruhigen Schlaf
- für reale Vermögenssubstanz
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Die Kunst besteht nicht im Durchhalten.
Die Kunst besteht im richtigen Tausch zur richtigen Zeit.