Gedankenexperimente über Papier, Vertrauen und das System dahinter

Gedankenexperimente über Papier, Vertrauen und das System dahinter
Photo by Giorgio Trovato / Unsplash

Ein unscheinbarer Anfang

Was ist ein Geldschein?

Physisch betrachtet ist er nichts weiter als:

  • ein Stück Spezialpapier
  • bedruckt mit Spezialtinte
  • versehen mit ein paar Sicherheitsmerkmalen

Mehr nicht.

Kein Rohstoff.
Kein Naturwert.
Kein innerer Nutzen.

Und trotzdem tauschen wir dieses Stück Papier täglich gegen:

  • Lebensmittel
  • Arbeitszeit
  • Energie
  • Wohnraum

Warum eigentlich?


Geld auf dem Konto ist kein Geld

Noch irritierender wird es beim Blick auf das Geld auf dem Konto.

Das ist kein Geld im klassischen Sinn.
Es ist eine Verbindlichkeit der Bank.

Der Kontostand bedeutet:

Die Bank schuldet mir diesen Betrag.

Er existiert:

  • als Buchung
  • als Zahl
  • als Eintrag in einer Bilanz

Nicht als Gegenstand.


Der Moment am Geldautomaten

Spannend wird es beim Abheben von Bargeld.

In diesem Moment:

  • wird Giralgeld zu Zentralbankgeld
  • verschwindet der Betrag aus der Bilanz der Bank
  • wird aus einem Versprechen ein staatlich garantiertes Zahlungsmittel

Vorher hattest du eine Forderung.
Jetzt hältst du ein Symbol in der Hand.

Das fühlt sich stabil an.
Ist es aber nur, weil wir es glauben.


Geld ist kein Naturgesetz

Der nächste Frühling kommt.
Die Schwerkraft wirkt.
Wasser gefriert bei 0 Grad.

Das sind Naturgesetze.

Geld gehört nicht dazu.

Niemand kann garantieren:

  • dass Geld in zehn Jahren noch dieselbe Kaufkraft hat
  • dass es in Krisen akzeptiert wird
  • dass es nicht reformiert oder entwertet wird

Geschichte ist voll von Beispielen, in denen Geld funktionierte –
und dann plötzlich nicht mehr.

Das Papier blieb gleich.
Der Glaube verschwand.


Was gibt Geld seinen Wert?

Nicht das Material.
Nicht die Herstellungskosten.
Nicht die Druckerei.

Sondern:

  • Vertrauen
  • Akzeptanz
  • die Erwartung, dass andere es ebenfalls akzeptieren

Geld ist ein kollektives Versprechen auf Zukunft.


Gedankenexperiment: 500.000 Euro

Variante 1: Bargeld verbrennen

Jemand nimmt 500.000 Euro in bar und verbrennt sie.

Was passiert?

  • Das Geld verschwindet endgültig.
  • Es taucht nie wieder auf.
  • Es wird nicht ausgegeben.
  • Es erzeugt keine Leistung.
  • Es zahlt keine Löhne.
  • Es zahlt keine Steuern.

Systemisch passiert fast nichts –
außer, dass Geld dem Umlauf entzogen wird.

Das Geld wurde nicht benutzt.
Es wurde verneint.


Variante 2: Ein Haus bauen – und es abbrennen

Jetzt dieselbe Summe, ein anderer Weg.

Für 500.000 Euro wird ein Haus gebaut.

Was passiert?

  • Maurer, Elektriker, Dachdecker, Maler werden bezahlt
  • Material wird gekauft
  • Transporte finden statt
  • Planer, Genehmigungen und Versicherungen werden bezahlt

Überall:

  • Einkommensteuer
  • Sozialabgaben
  • Mehrwertsteuer

Das Geld ist durch das System geflossen.

Wenn das Haus danach abbrennt, verbrennen nicht 500.000 Euro.

Diese Summe existiert längst nicht mehr als Ganzes.
Sie wurde verteilt, versteuert, legitimiert.

Selbst die Zerstörung erzeugt wieder Aktivität:

  • Feuerwehr
  • Entsorgung
  • Gutachten
  • Abriss

Zynisch, aber real: Das System verdient sogar an der Zerstörung.


Der entscheidende Unterschied

In beiden Fällen ist am Ende „etwas weg“.

Aber systemisch ist es nicht dasselbe.

  • Bargeld verbrennen:
    Entzug ohne Aktivität
  • Haus bauen und zerstören:
    Aktivität trotz Zerstörung

Oder anders gesagt:

Das System verzeiht Verschwendung.
Aber es reagiert empfindlich auf Stillstand.

Geld legitimiert durch Nutzung

Der Staat:

  • zahlt Beamte mit Geld
  • finanziert Militär mit Geld
  • organisiert Macht mit Geld

Jedes Mal, wenn wir Geld benutzen:

  • beim Einkauf
  • beim Bezahlen
  • beim Sparen
  • beim Investieren

bestätigen wir stillschweigend:

Dieses Symbol gilt.

Auch wer den Staat kritisch sieht,
legitimiert ihn durch Teilnahme.

Nicht durch Zustimmung.
Durch Gebrauch.


Sachwert vs. Geld

Für denselben Betrag, für den man einen Geldschein bekommt, kann man:

  • Gold kaufen
  • Maschinen
  • Land
  • Werkzeuge

Sachwerte existieren unabhängig vom System.
Geld existiert nur im System.

Wer Geld gegen Gold tauscht, sagt implizit:

Das Geld funktioniert noch –
aber ich traue ihm nicht dauerhaft.

Das ist kein Angriff.
Es ist ein Übergang.


Bargeld und Kontrolle

Bargeld ist besonders.

Es ist:

  • anonym
  • direkt
  • nicht automatisch dokumentiert

Ein vollständig digitales Geldsystem:

  • sieht alles
  • integriert alles
  • legitimiert alles

Dass Bargeld unter Druck steht, ist kein Zufall.


Geld als Machtkonstrukt

Geld ist kein neutrales Werkzeug.

Es ist:

  • ein Symbol staatlicher Ordnung
  • ein Machtinstrument
  • ein gesellschaftlicher Konsens

Mit neuen Währungen verschiebt sich Macht.
Mit neuen Regeln verschiebt sich Vertrauen.


Offenes Ende

Vielleicht ist Geld am Ende nichts weiter als:

  • ein akzeptiertes Symbol
  • ein organisierter Glaube
  • ein Versprechen auf Zukunft

Und vielleicht erneuern wir dieses Versprechen jeden Tag –
nicht, weil wir überzeugt sind,
sondern weil wir mitmachen.

Was benutzen wir da eigentlich jeden Tag?
Und warum vertrauen wir darauf,
dass es auch morgen noch gilt?