Warum Aktien steigen – und trotzdem manchmal fallen

Warum Aktien steigen – und trotzdem manchmal fallen
Photo by Markus Spiske / Unsplash

Eine einfache Erklärung der Marktmechanik

Viele Menschen haben ein ähnliches Gefühl, wenn sie Börsenkurse beobachten.
Eine Aktie steigt um zwei Prozent – und intuitiv denkt man:

Der Markt findet das gut.
Oder noch einfacher: Die Aktie steigt halt.

Dieses Gefühl ist nachvollziehbar.
Es ist aber falsch.

Denn Aktien steigen nicht „von selbst“.
Und sie steigen auch nicht, weil alle Marktteilnehmer plötzlich derselben Meinung sind.

Um zu verstehen, warum Kurse steigen – und warum sie manchmal trotz guter Nachrichten fallen – muss man sich anschauen, wie ein Börsenpreis überhaupt entsteht.


Der Denkfehler: Der Kurs als Mehrheitsmeinung

Als Laie stellt man sich den Markt oft wie eine große Abstimmung vor:

  • Gute Nachrichten kommen
  • Viele Anleger bewerten ein Unternehmen neu
  • Die Mehrheit entscheidet: Das ist jetzt mehr wert
  • Der Kurs steigt

So fühlt es sich an.
So funktioniert es aber nicht.

Ein Börsenkurs ist:

  • keine Abstimmung
  • kein Durchschnitt
  • kein Konsens

Ein Börsenkurs ist etwas viel Banaleres.


Was ein Aktienkurs wirklich ist

Der angezeigte Kurs einer Aktie ist schlicht:

Der letzte Preis, zu dem ein Käufer und ein Verkäufer gehandelt haben.

Dieser eine Preis gilt anschließend:

  • für alle Depots
  • für alle Aktionäre
  • für alle Buchwerte und Indizes

Auch für diejenigen, die gar nichts getan haben.


Wer bestimmt den Preis – und wer nicht?

Nehmen wir Berkshire Hathaway als Beispiel.

An einem normalen Handelstag:

  • wechseln grob 0,4 % der Aktien den Besitzer
  • 99,6 % der Aktionäre handeln gar nicht

Und trotzdem:

  • Der neue Marktpreis gilt für 100 % der Aktien

Das führt zu einer unbequemen, aber zentralen Erkenntnis:

Nicht die große Mehrheit bestimmt den Marktpreis,
sondern der kleine Teil, der gerade handelt.

Oder zugespitzt:

99,6 % der Aktionäre stimmen mit Schweigen ab –
0,4 % bestimmen den Preis.

Warum Kurse nach guten Nachrichten steigen

Nach guten Quartalszahlen passiert typischerweise Folgendes:

  • Neue Käufer treten auf
  • Bestehende Käufer sind bereit, mehr zu zahlen
  • Verkäufer ziehen günstige Verkaufsorders zurück

Das Angebot wird dünner.
Die Nachfrage steigt.

➡️ Käufer müssen höhere Preise akzeptieren.
➡️ Der Kurs steigt.

Nicht, weil „die Aktie steigt“.
Sondern weil der nächste verfügbare Preis höher liegt.


Warum Kurse trotz guter Nachrichten fallen können

Hier scheitert oft das Bauchgefühl.

Denn gute Nachrichten allein reichen nicht.

Ein Kurs fällt, wenn trotz guter Nachrichten mehr Verkaufsbereitschaft als Kaufbereitschaft vorhanden ist.

Zum Beispiel:

  • Erwartungen waren noch höher
  • Große Investoren sichern Gewinne
  • Fonds müssen Positionen abbauen
  • Verkäufer akzeptieren niedrigere Preise, um rauszukommen

Dann passiert Folgendes:

  • Verkaufsorders treffen auf zu wenig Käufer
  • Verkäufer müssen ihre Preise senken
  • Der Kurs fällt

Ob die Zahlen „objektiv gut“ waren, spielt dann keine Rolle.

Der Markt fragt nicht:

Sind die Zahlen gut?

Sondern:

Zu welchem Preis findet sich gerade ein Käufer?

Eine Analogie aus der echten Welt

Stell dir eine Straße mit 100 identischen Häusern vor.

  • 99 Eigentümer wohnen einfach dort
  • 1 Haus wird verkauft

Dieser eine Verkauf:

  • bestimmt den Marktpreis
  • gilt plötzlich für die ganze Straße

Auch für alle, die gar nicht verkaufen wollten.

Der Immobilienmarkt funktioniert so.
Der Aktienmarkt auch.


Warum sich das alles trotzdem „objektiv“ anfühlt

Der Börsenpreis wirkt:

  • offiziell
  • verbindlich
  • objektiv

Er steht im Depot.
Er wird täglich angezeigt.

Das erzeugt das Gefühl:

Der Markt hat entschieden.

In Wahrheit hat nur der Grenzhandel entschieden
also der letzte Deal am Rand des Marktes.


Warum diese Mechanik so wichtig ist

Sie erklärt:

  • warum Kurse stark schwanken können, obwohl „nichts passiert ist“
  • warum Volatilität nichts über langfristigen Wert aussagt
  • warum Panikbewegungen mechanisch entstehen
  • warum langfristige Investoren Marktpreise ignorieren können

Der Marktpreis sagt nicht:

Was alle denken

Sondern nur:

Zu welchem Preis gerade jemand bereit war zu handeln.

Fazit

Aktien steigen nicht von selbst.
Sie steigen auch nicht, weil „der Markt“ es beschlossen hat.

Sie steigen, wenn:

  • Verkäufer höhere Preise verlangen
  • und Käufer bereit sind, sie zu zahlen

Und sie fallen, wenn:

  • Verkäufer bereit sind, günstiger abzugeben
  • und Käufer zurückhaltend sind

Oft ausgelöst durch einen sehr kleinen Teil der Aktien
wirksam für alle.

Preise entstehen am Rand, nicht in der Masse.