Warum Infrastruktur, Liquidität und Diskretion wichtiger sind als Komfort
Wer anfängt zu investieren, denkt über Aktien nach.
Wer Vermögen aufbaut, denkt über Strukturen nach.
Nicht über Farben der App.
Nicht über Konfetti nach einem Trade.
Sondern über Fragen wie:
- Was passiert, wenn es kracht?
- Wie lange bleibt meine Liquidität bei mir?
- Wer weiß eigentlich etwas über mein Depot?
Ab einer gewissen Größenordnung ist die Brokerwahl keine Design- oder Bequemlichkeitsfrage mehr.
Sie wird eine Infrastruktur-, Liquiditäts- und Psychologieentscheidung.
Broker sind keine Apps – sie sind Systeme
Ein Broker ist nicht das Frontend auf dem Smartphone.
Ein Broker ist:
- Marktzugang
- Clearing & Settlement
- Verwahrung
- Liquiditätssteuerung
- Funktionsfähigkeit in Stressphasen
Die Oberfläche sieht man.
Die Architektur dahinter entscheidet.
Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen Infrastruktur-Brokern und Frontend-Brokern.
Infrastruktur schlägt Design
Interactive Brokers
Interactive Brokers ist sachlich, nüchtern, fast schon bieder.
Keine Animationen.
Keine Kaufimpulse.
Keine Gamification.
Dafür:
- Anbindung an zahlreiche Börsenplätze weltweit
- eigene, über Jahrzehnte gewachsene Risiko- und Clearingsysteme
- Erfahrung aus Crashs, Volatilitäts- und Stressphasen
- ein Geschäftsmodell, das nicht davon lebt, Kunden zum Handeln zu animieren
Das wirkt altmodisch.
Ist aber exakt dafür gebaut, auch dann zu funktionieren, wenn es ungemütlich wird.
Neo-Broker wie Trade Republic
Neo-Broker sind oft:
- visuell modern
- extrem einfach
- auf wenige Handelsplätze fokussiert
- radikal kostenoptimiert
Im Alltag funktioniert das hervorragend.
In Stressphasen wird genau diese Schlankheit zum Flaschenhals.
Wenn viele gleichzeitig handeln wollen, wenn Volatilität explodiert, wenn Market Maker Spreads ausweiten oder pausieren, zeigt sich, ob echte Infrastruktur vorhanden ist – oder nur ein dünnes Rohr.
Das ist keine moralische Frage.
Es ist Architektur.
Stressphasen sind der einzige echte Test
In ruhigen Märkten sind fast alle Broker gleich gut.
Im Crash nicht.
Handlungsfähigkeit ist dann kein Luxus.
Allein zu wissen, dass man handeln könnte, senkt Stress – selbst wenn man es am Ende nicht tut.
Für größere Vermögen ist genau dieses Gefühl entscheidend.
Abgeltungssteuer: steuereinfach vs. liquiditätsklug
Der steuereinfache Broker
Bei vielen deutschen Brokern läuft es so:
- Klick auf „Verkaufen“
- Abgeltungssteuer und Solidaritätszuschlag werden sofort einbehalten
- das Geld ist sofort weg
- die Bank leitet es direkt an das Finanzamt weiter
Bequem.
Aber liquiditätsmäßig ineffizient.
Der internationale Broker
Bei einem internationalen Broker läuft es anders:
- Klick auf „Verkaufen“
- keine automatische Steuerabführung
- die komplette Liquidität bleibt zunächst beim Anleger
- die Steuer wird später in der Steuererklärung erklärt und bezahlt
Das wird oft als Nachteil dargestellt.
In Wahrheit ist es ein Liquiditätsvorteil.
Ein konkretes Beispiel
- 1.000.000 € realisierter Gewinn
- ca. 250.000 € Abgeltungssteuer
- zzgl. Solidaritätszuschlag → insgesamt rund 260.000–270.000 €
- Verkauf Anfang Januar
Die Steuer wird nicht sofort fällig, sondern mit der Steuererklärung.
Gibt man diese fristgerecht, aber spät ab – etwa Mitte des Folgejahres oder mit Steuerberater noch etwas später – bleiben 18 bis 20 Monate, in denen das Geld beim Anleger liegt.
Wird dieser Betrag in risikoarmen Zinsprodukten angelegt (z. B. kurzlaufende Staatsanleihen oder T-Bills) zu 4–5 % p. a., ergibt sich:
- pro 100.000 € etwa 4.000–5.000 €
- insgesamt über 10.000 € zusätzlicher Ertrag
Kein Trick.
Keine Grauzone.
Sondern Zeitwert des Geldes.
„Kostenlos“ ist selten kostenlos
Broker verdienen immer Geld.
Die Frage ist nur: wie.
Wenn keine Ordergebühr anfällt, geschieht das oft über:
- Spreads
- Payment for Order Flow
- verzögerte Dividendenverbuchung
- Zinsvorteile auf Kundengelder
Gerade bei Neo-Brokern berichten Anleger immer wieder, dass Dividenden erst Tage oder Wochen nach Zahlungseingang gutgeschrieben werden.
Bei kleinen Beträgen fällt das kaum auf.
Bei großen Depots sehr wohl.
Liquidität, die verspätet ankommt, verursacht Opportunitätskosten.
Nähe ist kein Service – sondern ein psychologisches Risiko
Es geht hier nicht um Datenschutz oder konkrete Vorwürfe.
Es geht um Kopfkinos.
Allein der Gedanke, dem eigenen Volksbank-Berater auf dem Schützenfest zu begegnen –
und sich einzubilden, er könnte einen mitleidig anschauen,
weil das Depot im letzten Jahr höher stand –
reicht aus, um Stress zu erzeugen.
Wahrscheinlich würde er nichts sagen.
Höchstwahrscheinlich würde er gar nichts denken.
Aber der Gedanke allein genügt.
Und genau deshalb liebe ich Anonymität.
Nicht, weil ich jemandem misstraue.
Sondern weil ich leise scheitern dürfen will.
Ohne Blicke.
Ohne Einordnung.
Ohne soziale Nebenwirkungen.
Ein Depot braucht einen Raum,
in dem man falsch liegen darf,
ohne dass es Teil des sozialen Raums wird.
Mein Depot ist kein Social-Media-Feed
Ein Aktiendepot ist kein Ort für Symbolik, Kampagnen oder Haltungsmarketing.
Als bei der Comdirect zeitweise eine Regenbogenflagge im Banking-Interface auftauchte, war das für mich kein Zeichen von Offenheit, sondern ein Kontextbruch.
Nicht wegen des Inhalts.
Sondern wegen des Ortes.
Ich möchte keine Symbole in meinem Banking sehen.
Keine Flaggen.
Kein Konfetti.
Keine Botschaften.
Mein Depot ist kein Social-Media-Feed.
Es ist ein Werkzeug.
Leise wachsen. Leise scheitern.
Investieren bedeutet, Fehler zu machen.
Phasen zu haben, in denen man falsch liegt.
Dafür braucht es Stille.
Mein Depot darf wachsen.
Aber es soll keiner sehen, wenn ich scheitere.
Ich darf leise scheitern.
Nicht aus Scham.
Sondern aus Vernunft.
Oder, frei nach André Kostolany:
Geld ist nicht alles im Leben.
Aber wenn man weint, dann lieber im Taxi als in der U-Bahn.
Fazit
Die Wahl des Brokers entscheidet nicht über die nächste Aktie.
Aber über alles, was danach kommt.
Je größer das Vermögen, desto wichtiger werden:
- Infrastruktur statt Oberfläche
- Liquidität statt Steuereinfachheit
- Distanz statt Nähe
- Neutralität statt Animation
Langweilig, international und sachlich ist kein Nachteil.
Es ist oft genau das, was langfristig trägt.