Wenn der Staat die Steuerschraube überdreht
Der deutsche Staat operiert mit einer stillschweigenden Annahme:
dass Menschen ihr Verhalten nicht ändern.
Arbeitsstunden gelten als gegeben, Leistungsbereitschaft als konstant, Produktivität als abrufbar. Steuerpolitik wird darauf aufgebaut, bestehende Leistung lediglich höher zu belasten, um mehr Ertrag zu erzielen. Diese Logik ist einfach. Und sie ist grundlegend falsch.
Ein Denkfehler mit System
In Unternehmen gilt es als Binsenweisheit, dass Anreize Verhalten steuern. Wer Verantwortung erhöht, ohne sie zu entlohnen, bekommt weniger Initiative. Wer Ziele verschärft, ohne Nutzen zu bieten, erntet Rückzug. Genau diese Logik blendet der Staat aus, wenn es um Arbeit und Besteuerung geht.
Die Vorstellung, Menschen würden unabhängig von Belastung, Abgaben und Grenzbelastung gleich viel leisten, widerspricht jeder praktischen Erfahrung. Arbeitskraft ist keine starre Größe. Sie ist flexibel, anpassbar und reduzierbar.
Vom Bürger zum Steuersubstrat
In der staatlichen Perspektive verschiebt sich der Blick zunehmend. Bürger erscheinen weniger als produktive Akteure, sondern als steuerliches Substrat – als etwas, das man abschöpfen kann, solange es vorhanden ist.
Diese Sichtweise ähnelt der Bewirtschaftung eines Feldes, das man immer intensiver aberntet, ohne die Wachstumsbedingungen zu berücksichtigen. Kurzfristig mag der Ertrag steigen. Langfristig erschöpft sich die Quelle.
Wertschöpfung entsteht nicht durch Zugriff, sondern durch Bedingungen, unter denen sie wachsen kann.
Grenzbelastung statt Motivation
Besonders problematisch ist die Behandlung zusätzlicher Leistung. Der erste Euro Einkommen ist attraktiv. Der letzte Euro hingegen wird mit maximalem Zugriff belegt, während Inflation, Abgaben und indirekte Effekte den realen Nutzen weiter schmälern.
An diesem Punkt verändert sich Verhalten. Nicht aus Protest, sondern aus Kalkül. Wenn zusätzlicher Einsatz kaum Lebensqualität schafft, aber Zeit, Energie und Verantwortung kostet, wird er rational vermieden.
Das ist keine Arbeitsverweigerung. Es ist Optimierung.
Der stille Rückzug
Was folgt, ist kein lauter Konflikt. Es gibt keine Streiks, keine Transparente, keine Parolen. Stattdessen zieht sich Leistung leise zurück. Arbeitszeiten werden reduziert, Wachstum vertagt, Verantwortung abgegeben. Menschen entscheiden sich für Zeit statt Grenzsteuer.
Der Staat interpretiert diese Entwicklung gerne als Mentalitätsproblem. Tatsächlich handelt es sich um eine logische Reaktion auf ein überdehntes System.
Nach fest kommt lose
Im Handwerk gibt es einen alten Grundsatz: Nach fest kommt lose.
Wer eine Schraube zu stark anzieht, erhält keinen besseren Halt. Er zerstört das Gewinde.
Übertragen auf die Steuerpolitik bedeutet das: Ein immer stärkerer Zugriff auf Arbeit führt nicht zu mehr Leistung, sondern zu weniger Bereitschaft, sie zu erbringen. Die Verbindung zwischen Staat und Leistungsträgern lockert sich nicht abrupt, sondern schleichend.
Die politische Blindstelle
Besonders problematisch ist, dass dieser Effekt in staatlichen Berechnungen kaum vorkommt. Einnahmen werden kalkuliert, ohne Verhaltensanpassungen ernsthaft einzupreisen. Arbeitsvolumen wird behandelt, als sei es naturgegeben. Dass Menschen ihre Lebenszeit neu bewerten, wenn der Ertrag sinkt, bleibt außen vor.
So entsteht ein Kreislauf aus steigender Belastung und sinkender Wertschöpfung. Die Reaktion darauf ist häufig weiterer Druck. Doch genau dieser verstärkt das ursprüngliche Problem.
Fazit
Deutschland hat kein Problem mit Arbeitsmoral.
Es hat ein Problem mit Anreizen.
Ein Staat, der seine Bürger primär als steuerliches Ertragspotenzial betrachtet, darf sich nicht wundern, wenn dieses Potenzial irgendwann stagniert.
Oder anders gesagt:
Wenn man die Steuerschraube zu stark anzieht, wird aus fest lose.